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Bankfilialleiterin hilft Armen durch Umbuchungen - dafür droht ihr Gefängnis - Sollten wir ihr helfen?

In der Süddeutschen Zeitung vom 23.11.2009 stand folgender Zeitungsartikel: Weiblicher Robin Hood: Bankfilialleiterin hilft armen Kunden.

Sie wollte armen Bankkunden helfen und zweigte dafür Geld von fremden Konten ab. Nun lebt eine ehemalige Filialleiterin selbst in Armut.

Insgesamt 7,6 Millionen Euro soll die Filialleiterin einer Bank von den Konten ihrer vermögenden Kunden geholt haben, um andere Kunden wieder zahlungsfähig zu machen.

Wenn man Geld geschenkt bekommt, freut man sich oder man lehnt dankend ab. Das funktioniert allerdings nur, wenn man von der großzügigen Spende erfährt. Mehrere Kunden einer Bank im Rheinland haben nicht geahnt, dass die Filialleiterin ihres Kreditinstituts ihre finanziellen Miseren mit einer mehr oder weniger großen Finanzspritze zu überbrücken versuchte.

Die ehemalige Filialleiterin sitzt jetzt wegen Veruntreuung in 117 Fällen vor Gericht in Bonn: Sie soll aus Mitleid über mehr als ein Jahr hinweg Geld von den Konten reicher Kunden auf die armer Kunden umgebucht haben. Insgesamt zweigte sie laut Anklage etwa 7,6 Millionen Euro ab, damit Bankkunden in Geldschwierigkeiten ihr Konto problemlos überziehen konnten, ohne dass sie es wussten.

Bis zu vier Jahre Haft

Der Frau droht laut Gerichtssprecher im Höchstfall eine Gefängnisstrafe von vier Jahren. 14 Monate lang soll die Filialleiterin ihr Umbuchungssystem betrieben haben, ohne dabei auch nur einen Cent in die eigene Tasche zu stecken. Ihr Ziel sei es gewesen, sich das Geld reicherer Kunden für den Zeitraum zu leihen, in dem die Überziehungslisten der Bank geprüft wurden. Damit Kunden, die stets in den Miesen waren, nicht auffielen, buchte sie laut Anklage in den Prüfungszeiträumen das Geld reicherer Kunden auf die überzogenen Konten um. Nachdem die Prüfung vorbei war, überwies sie das Geld wieder zurück.

Allerdings klappte das nicht immer problemlos: Weil einige der Kunden so stark im Minus waren, war eine Rückbuchung teilweise nicht mehr möglich. Insgesamt konnte sie den Ermittlungen zufolge nur 6,5 Millionen von den insgesamt 7,6 Millionen Euro wieder zurückbuchen.

Die 62-Jährige, die offenbar wie ein moderner Robin Hood handelte, hat sich laut Gerichtssprecher bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert. Weil die Bank sie für den Schaden von 1,1 Millionen Euro in Haftung nahm, lebt sie Berichten zufolge nun selbst in Armut. Derzeit erhalte seine Mandantin nur eine kleine Frührente, die bis auf das Existenzminimum gepfändet werde, sagte ihr Anwalt Thomas Ohm. Sie lebt mit ihrer kranken Mutter zusammen in einer kleinen Wohnung.

Bankfilialeiter helfen Reichen - dafür erhalten sie hohe Provisionen

Auf der anderen Seite kennen wir die Anzeigen der Banken, dass sie den Reichen beim Transfer von Geld ins Ausland helfen wollen, dass sie Steuerschlupfwinkel kennen, die sie verkaufen möchten. Typisch ist auch das risk based pricing, wo sich Banker ein System ausgedacht haben, dass die Reichen von Kreditzinen entlastet werden, wenn man dafür die Kreditkarten- , Überschreitungs- und Ratenkreditzinsen für die Armen auf ein Vielfaches erhöht. Weiter haben sich Banker einfallen lassen, dass man den Armen Restschuldversicherungen aufbürdet, ohne die der Kredit nicht vergeben wird und in denen 70 % Provision schlummern, die die Bank auch noch als Kredit an sich selber dem Kunden aufbürdet. Die Reichen brauchen solche Versicherungen nicht.

Bei den Kontoführungsgebühren denken sich die Banken immer neue Belastungen für die Armen aus wie z.B. 5 € pro Buchung, wenn man in finanzieller Not ist und das Limit überschritten hat, Sondergebühren pro Pfändung, Zusatzzinsen bei Überschreitung. Den Reichen mit hohem Saldo erlässt man dagegen die Gebühren ganz.

Bei der Riesterrente fressen die Vermittler- und sonstige Kosten den Ertrag der Armen auf, bei den Reichen wird auch nicht mehr verlangt.

In all diesen Fällen werden die Reichen belohnt.

Ist Robin Hood nicht die beste Lösung?

Bei so viel Ungerechtigkeit im Geldsystem, dass die Armen zugunsten der Reichen belastet, möchte man der Filialleiterin einen Preis verleihen. Doch uns ist Unwohl. Schließlich hat hier eine Einzelne in das Vermögen anderer eingegriffen, das System "Bank" gefährdet und die Regeln außer Kraft gesetzt. Sie hat, um es klar zu sagen, anarchistisch gehandelt. Doch ihr Zweck war edel und bedenkt die Gefahr, die sie auf sich genommen hat, auch das Verhalten mutig. Nur genützt hat es niemandem, weil es heimlich war, weil das Geld ohnehin zurückzuerstatten ist durch die Armen bzw. durch sie selber.

Doch mit dem Auffliegen der Tat hat sie gleichwohl eine öffentliche Diskussion entfacht und viele Menschen beeindruckt, die nun über das Banksystem nachdenken. Dafür müssen wir ihr dankbar sein und der Richter sollte dies bei seinem Urteil berücksichtigen. Wiederholungsgefahr droht ohnehin nicht, weil sie ihren Bankjob endgültig verloren hat, und eine Abschreckung für die Öffentlichkeit brauchen wir hier weiß Gott nicht. Wir brauchen nur ermutigende Lösungen, die über die Naivität einer Einzelnen, die die Ungerechtigkeiten der Welt anders als Robin Hood ohne Mitstreiter lösen will.

Wer sich mit dem Finanzsystem beschäftigt, und dafür haben wir im iff jetzt ein Lehrbuch für Normalbürger über "Die Geldgesellschaft" geschrieben, der weiß, dass Moral und Mitgefühl auch im Finanzsystem Chancen haben - weniger auf den Abstellplätzen der Empathie wie Microlending, ethisches Investment und finanzieller Allgemeinbildung, als im Herz des Systems selber. David Caplovitz, der lange verstorbene Nestor der Armutsforschung hat ein Manuskript über eine weltweite Überschuldungsversicherung hinterlassen, in dem er verlangt, dass der Staat so wie in der Kranken- und Arbeitslosenversicherung alle Kreditnehmer (und dazu gehören auch Banken und Staat) verpflichtet, in eine Liquiditätsversicherung einzuzahlen, die die Probleme vorübergehender Armut und insbesondere die Verweigerung von Kredit in Krisen beheben würde. Das iff hat eine solche Kapitalkreditversicherung entwickelt, die auf freiwilliger Basis besteht und Möglichkeiten bietet, sogar vorzusorgen und Reiche einzubeziehen.

Wenn wir die Wuchergrenzen ernst nehmen und gleichzeitig das Recht auf ein Girokonto sowie auf Aufrechterhaltung der Überziehungsgrenzen in der Not des Kreditnehmers im Gesetz verankern (das Gläubigerschutzkonto (P-Konto) war eher eine Entlastung der Banken von Pfändungen Dritter als eine Hilfe für die Kreditnehmer), dann werden die Banken die Ausfälle im Preis mitkalkulieren müssen. Damit würden die Reichen an den Risiken der Armen beteiligt und die Banken, die dann die Armen ausschließen würden, um den Reichen mehr Geld belassen zu können, die würde man in der Öffentlichkeit nicht gut ansehen. Hier hat die USA mit ihrem Anti-Diskriminierungsgesetz CRA gezeigt, dass wer Armutsviertel meidet, nicht mehr mit staatlicher Unterstützung rechnen kann. Viele Bürger mit gutem Einkommen denken ähnlich und würden dies ihrer Bank nicht nachsehen.

Marktwirtschaft ist nicht per se asozial. Wir lassen sie nur dazu verkommen. Wir würden gerne eine Kontonummer der betroffenen Filialleiterin veröffentlichen, weil, so falsch ihr Verhalten auch war, es zumindest den Finger auf die Wunde legte und der gesellschaftliche Nutzen dann, wenn es gelungen sein sollte, den Fall als Chance zum Nachdenken zu begreifen, größer wäre, als der individuelle Schaden. Sie sollte daran nicht leiden müssen.

Leider hat die SZ diese Kontonummer nicht angegeben, weil sie sich wohl nicht traut, während unser Staat die Kontonummern von Hypo Real Estate oder HSH Nordbank allzu gut kennt und dorthin Steuergelder überweist, obwohl der gesellschaftliche Schaden, den diese Banken angerichtet haben, weit höher ist.


ID: 44812
Autor(en): UR
Erscheinungsdatum: Di., 24.11.09
   
 

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