In Frontal21 wurde am 23.6.2009 der fünfte Schuldenreport der Verbraucher- und Wohlfahrtsverbände vorgestellt. In dem Buch haben einige namhafte Experten zu Themen der Überschuldung und finanziellen Allgemeinbildung interessante Aufsätze veröffentlicht. Die von früher gewohnten statistischen Teile ebenso wie die Teile über die Entwicklung des Finanzdienstleistungssektors, die Deregulierung der Kreditmärkte und der Verschuldungsentwicklung bei Konsum- und Hypothekenkrediten, wie wir sie auf diesen Seiten hier weiterpflegen, fehlen allerdings im neuen Schuldenreport. Es geht direkt um die überschuldeten Verbraucher und ihre Situation.
Das war dann auch das Thema dieser Fernsehsendung, die sich damit in die gut gemeinten Runden bei Maischberger und Anne Will einfügte, wo Experten für Armut und Überschuldete wetteiferten herauszufinden, warum jeweils die Betroffenen betroffen sind und wie sie sich am besten an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen können.
Verschuldung und Überschuldung - wo liegt das Problem?
Eine Vertreterin des paritätischen Wohlfahrtsverbandes zeigte sich dann auch entsetzt über die ihrer Meinung nach hohe Durchschnittsverschuldung. Das beruhte allerdings auf einer Fehleinschätzung, weil 20.000 € Kredit ja wie jedes Investment durchaus Chancen und Gegenwerte repräsentieren kann. Besser wären schon die Überschuldungswerte gewesen. Anschließend wurde dann eine Schulklasse gezeigt, in der vor allem Migranten beigebracht wurde, wie man sein Geld zusammenhält. Schließlich kam von verbraucherpolitischer Seite der Hinweis darauf, dass die Banken die Zinssenkungen nicht weitergegeben haben, was mit der Überschuldung aber kaum in Zusammenhang stand. Hier hätte ein Hinweis darauf, dass Überschreitungs- und Kreditkartenzinsen ebenso wie die Gebühren aus Restschuldversicherungen schon längst die Armen vom Durchschnittszins abgekoppelt in Wucherghettos eingesperrt haben, zum Nachdenken angeregt. Immerhin hat die Verbraucherzentrale Hamburg gerade die Commerzbank mit ihrer Wuchergebühr für Überschuldete vor den Gerichten in die Schranken gewiesen.
Dass der Bundestag gerade Kreditkartenkredite und Überschreitungszinen ausdrücklich zugelassen und dereguliert hat, was auch die Verbraucherverbände kritisiert haben, macht deutlich, dass die Banken mit ihrem Argument, sie refinanzierten sich ja schließlich nur zu 10% bei der Zentralbank, ein allzu leichtes Spiel hatten. Man wunderte sich zuletzt nur, warum der RTL-Schuldnerberater Zwegart nicht die Quoten erhöhen durfte, indem er den Überschuldeten dann noch den zweiten Becher Frühstücksmilch als wirksame Massnahme der Entschuldung vom Tisch nahm.
Auch nach der Krise gilt somit was vor der Krise Konsens war: Nicht das Kreditsystem ist das Problem sondern die Menschen, die damit umgehen müssen. Und weil man es ihnen nicht Recht beibringen kann, muss man sie in Sonderzonen der Sozialpolitik ansiedeln, wo sie dann umhegt von der Sozialarbeit und von Presse und Fernsehen wie im Zoo beobachtet als Überschuldete gewisse Überlebenschancen erhalten.
Verbraucherschutz
Verbraucherschutz war einmal ein Fortschritt in diesem Prozess der Ghettoisierung (die ja das Gegenstück zur Gentrification von Stadtvierteln ist). Gegenüber Überschuldeten würde er auch dem System die Probleme vorhalten und fragen, wo diese Probleme präventiv am besten und kompetentesten geregelt werden könnten. Da wird es dann im Zweifel weniger um Sozialarbeit und mehr um Kreditprodukte wie Kreditkarten, Überschreitungszinsen, Kettenumschuldungen, Strafgebühren etc. aber auch um Arbeitslosigkeit und die Anpassung der Schulden an diese aktuell drohende Arbeitslosigkeit gehen, an die sich bisher keiner herantraut, als ob man bei drohender Flut keine Dämme und Überschwemmungszonen bauen sollte. Die Schuldenreports sind zu Schuldnerreports geworden. Die Anbieterseite darf sich nicht nur freuen - sie wird nicht nur geschont sondern auch von wichtigen Informationen darüber abgeschnitten, was sie machen müsste, um das Problem einzudämmen.
Es war früher einmal auch Standard in den Schuldenreports 1-4, bei denen gerade die Zusammenarbeit von vzbv und Wohlfahrtsverbänden demonstrieren sollte, dass man Probleme des Marktes nicht allein als Probleme der Betroffenen behandeln darf. SCHUFA, vzbv und iff-Überschuldungsreport (der eigentlich nur die Zahlen für die Analyse liefern wollte) tummeln sich ebenso wie der Armutsbericht der Bundesregierung nun alle bei den Schwachen.
Wer schreibt den Verschulderreport?
Dass inzwischen die Schuldnerberatung in Deutschland durch ein System, das nur noch die Verwaltung von Armut über Fallzahlen und Abschlüsse finanziert, sich von jeder Kontrolle der Wirtschaft verabschieden musste, keine Überschuldungsmechanismen mehr analysieren kann und nicht mehr ihre Stimme erhebt, um die zur Rechenschaft zu ziehen, die bewußt Überschuldungssysteme nutzen, um damit zu verdienen, gehört zur Tradition einer Armenpflege, bei der, wie Max Weber es nannte, die Reichen schon aus religiösen Gründen die Armen dringend brauchen, um Sinn in ihr Leben zu bringen. |