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Wo die armen Rentner leben? Der Freiburger Wirtschaftswissenschaftler Raffelhüschen und die Union Investment platzieren geschickt ein profitables Redlining System ins Sommerloch.

Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen

Prof. Raffelhüschen ist als Verfechter neo-liberaler Altersvorsorge bekannt. Er war Mitglied der Rürup-Kommmission und setzte sich für die von staatlichen Regeln befreite private kapitalgedeckte Altersvorsorge ein. Im übrigen war er engagiert für die Investmentbranche (Union), Versicherer (Ergo, Victoria) und Strukturvertriebe (40 Veranstaltungen mit MLP im Jahr 2004) tätig, wo es um den Absatz privater Altersvorsorge ging. Seine Ansichten, auch ungesicherte Altersvorsorgeprodukte ohne Nominalwertgarantie und mit selbstgewähltem Sterbealter (auslaufende Rente) zuzulassen, hätten nach der Finanzkrise in Deutschland die gleichen verheerenden Folgen gezeitigt wie jetzt in den USA und England. Selbst der FDP-Bundestagsfraktion ging es mit seiner Deregulierung in einem Fraktions-Hearing zu weit. In einem Interview spricht er sich dafür aus, die "Rationierung (der Gesundheits- und Rentenleistungen d.Verf.) dem (Kapital- d.Verf) Markt über die Preisbildung zu überlassen." Noch im April 2008 sagte er der Tagesschau, dass Altersarmut kein Thema sei: "Die Wahrscheinlichkeit, auf ein armes Kind in Deutschland zu stoßen, ist fünf Mal so groß wie die, einen armen Rentner zu finden", sagte Raffelhüschen. Vor 2030 bis 2035 rechnet er nicht mit einer gravierenden neuen Altersarmut. Das Thema jetzt schon zu problematisieren sei deshalb "populistisch, um Wahlkampfentscheidungen zu erzwingen", so der Wissenschaftler. Das war, um die solidarischen Ideen des Herrn Rüttgers zu bremsen.

Jetzt hat Herr Raffelhüschen die Altersarmut entdeckt. Er kommt mit einer neuen medienwirksamen Kampagne, hinter der auch seine Auftraggeber, die Union-Investment, stehen. Diesen Fonds laufen die Kunden weg und da hilft Panikmache, die für Raffelhüschen, der das "Methusalemsyndrom" recht unwissenschaftlich ausschlachtete, zum Gepäck gehört. (Zur Erinnerung, nicht die geringe Erwerbsquote in Deutschland sondern das angeblich zu hohe biologische Alter (Originalton: "Weil wir 40 Jahre die Beitragszahler nicht in die Welt gesetzt haben ...") wird zur Grunderkenntnis der Wirtschaftskrise gemacht.) Presse (z.B. Süddeutsche Zeitung v. 6.8.2009 S.21) und Fernsehen (Tagesschau sowie Berlin Direkt v. 12.7.2009) haben seine Thesen und Grafiken im Sommerloch begierig aufgegriffen.

Wie man mit Armutskarten Investmentzertifikate verkauft

Herr Raffelhüschen hat von Deutschland bunte Karten gezeichnet, die ihm die Presse treu nachgedruckt hat. Darin sind die neuen Bundesländer und das arme Bundesland Bremen sowie das Saarland rot und die Südstaaten im freundlichen blau gehalten. Man kann es noch weiter herunterbrechen. Die roten Bezirke, die wir ja bereits aus den Schuldenatlanten der Inkassobranche (SCHUFA und Creditreform) mit gleicher Farbe kennen, bezeichnen hier nicht Überschuldung oder Sozialhilfehäufigkeit sondern eine drohende Altersarmut. Wie originell, sollte man meinen. Wo jetzt kein Geld dort auch später kein Geld. Man könnte Herrn Raffelhüschen unter die Pleonasten einordnen, die immer alles doppelt nachplappern.

Doch so naiv ist das Ganze nicht. Herr Raffelhüschen und die Union-Investment wollen private Altersvorsorge verkaufen. Deshalb haben sie die ominöse Rentenlücke, mit der die Versicherungswirtschaft ihre Vertreter mit selbstgefertigten Zetteln in die Wohnungen schickte, neu entdeckt und auf eine volkswirtschaftliche Ebene gehoben.

Dabei haben sie das Niveau der Vertreter aber nicht einmal erreicht. Getreu dem Slogan der Quants, die das Glück des Menschen auf Geld reduzieren und damit natürlich den Geldverleihern eine Schlüsselposition einräumen, haben sie die gesamte Altersvorsorge auf eine Geldrente reduziert. Wer viel Rente bekommt, ist glücklich, wer weniger Rente bekommt ist arm und zwar unabhängig davon, wo, wie und mit wem und zu welchen Bedingungen er im Alter lebt.

Altersvermögen besteht aus mehr als einer Geldrente

Die Armutsforschung hat diesen Unsinn mit dem Begriff der relativen Armut längst hinter sich gelassen. Im Altersvorsorgereport der Bertelsmann-Stiftung, den das iff einst anfertigte, wurde deutlich gemacht, dass die Situation im Alter von mindestens fünf Vermögen abhängt: dem Geldvermögen (Rente, Zins), dem Sachvermögen (Wohneigentum, Auto, Ausstattung), dem Gesundheitsvermögen (Pflegebedürftigkeit, Notwendigkeit ärztlicher Versorgung etc), dem Sozialvermögen (Verhältnis zu Kindern, Verwandten, Nachbarn und Freunden) sowie dem Erwerbsvermögen (Möglichkeiten, im Alter durch Eigenarbeit Kosten zu sparen bzw. hinzuzuverdienen (z.B. bei Selbständigen 15%)). Das alles relativiert die von Herrn Raffelhüschen gesetzten fixen Bedarfsgrenzen und damit auch die Rentenlücke. Noch schlimmer: wer dies nicht beachtet, arbeitet sich für Raffelhüschen's Versicherer und Investmentsfonds zu Tode, die dann auch noch das eingezahlte Kapital verzocken, um dann im Alter die Krankenhausrechnungen nicht mehr bezahlen zu können, die Herr Raffelhüschen ja auch noch privatisieren möchte.

Wer ignoriert, ob eine Bäuerin in eigenem Haus mit Garten in Niederbayern oder ihre Schwester im Altersheim in Bremerhaven wohnt, gibt auch die falschen Ratschläge bis dahin, dass ein junges Ehepaar bekennt, sie müssten sich zwischen privater Altersvorsorge und Kindern entscheiden, für beides reiche das Portemonnaie nicht. Gerade das Sozialvermögen war historisch einmal ein 100%iger Ersatz für Geldvermögen. Es hat dies eingebüßt aber doch nicht zu 100%.

Die Eingruppierung ist vollkommen willkürlich

Selbst wenn man die Rentenlücke so isoliert betrachten will, ist die Darstellung willkürlich und unverantwortlich sensationserheischend manipuliert. Wie kommt Herr Raffelhüschen darauf, dass 1002 € noch arm und in blassem braun, 37 € mehr im Monat aber tiefblau Altersreichtum suggeriert. Seine Unterschiede sind alle innerhalb von 218 € angesiedelt, von ganz arm bis ganz reich. Die Spanne aber liegt wohl zwischen dem Sozialhilfesatz nahe 400 € und seinem eigenen Alterseinkommen, das weit über 10.000 € liegen dürfte. Warum dann aber nur 218 € für die man dann noch über die Farben rot und blau im entgegengesetzten Farbspektrum riesige Unterschiede suggeriert. Das ist Scharlatanerie. Man kann immer nur wieder fordern, dass die Deutsche Gesellschaft für Soziologie, die der Hüter der empirischen Sozialforschung sein sollte, endlich einmal Gütesiegel oder zumindest Einschätzungen vergibt. Ein Professorentitel reicht da nicht aus.

Redlining - Soziale Diskriminierung und öffentliche Deregulierung

In den USA nennt man solche Kartographierungen der Misere "redlining". Es ist dort verboten mit persönlichen Daten Karten zu zeichnen. Da in den USA Armut eine Hautfarbe hat, waren es nämlich meist nur Grenzkarten der Bezirke farbiger Amerikaner. Die benutzten die Banken, um ihren Mitarbeitern klar zu machen, wo man keine Kredite mehr vergeben soll. Viele Gesetze beschäftigen sich mit diesem Problem des Verbotes sozialer Diskriminierung. Sie fehlen bei uns, weil ja Deutschland so frei von ethnischer Diskriminierung ist (oder nicht?).

Zunächst sind sie wissenschaftlich gesehen Unsinn. Im iff-Überschuldungsreport 2007 wurde nachgewiesen, dass die SCHUFA-Kartographierungen etwa in Wilhelmshaven unhaltbar sind. Nicht der Wohnort sondern andere Faktoren wie Arbeitslosigkeit entscheiden darüber, wie überschuldet man ist. Es konnte gezeigt werden, dass Menschen mit gleichen Chancen oder Problemen in Wilhelmshaven sogar besser zurecht kamen als in Hamburg, das so wunderschön neutral eingefärbt war. Die Scheinkorrelation mit einer Postleitzahl ist daher Unsinn und diskriminiert ein ganzes Gebiet. Das gilt auch für die Rentenlücke, weil sie natürlich nur im Durchschnitt in dem Gebiet gilt aber nichts über die Perspektiven der einzelnen dort aussagt. Ob die Alten in Thüringen besser leben als in Hamburg, das müsste Herr Raffelhüschen schon genauer erkunden. Die Quants können das nicht.

Jede weitere Kartographierung verfestigt dann auch den falschen Eindruck, in bestimmten Gebieten sei alles arm, keine Hoffnung und keine Chance. Herr Raffelhüschen, dessen Konzepte bisher die Diskriminierung der Armen immer gefördert haben, dürfte dies nicht stören.

Panik mit der Altersarmut hilft zu deregulieren

Nun haben solche Karten bei einem insgesamt in Deutschland blamablen Zustand des Wirtschaftsjournalismus (ein einziger Journalist rief im iff an und fragte nach Kritik, die ihn dann sogar überraschte) einen wichtigen politischen Effekt: Die Politik fragt jetzt, warum die roten Gebiete nicht mehr Kapitalanlagen für die Altersvorsorge kaufen. Das erklärt ihnen dann Victoria Versicherung und Union Investment, die dafür mehr staatliche Subventionen, weniger "Bürokratie" (=Abbau von Verbraucherschutz) und vor allem geringere Sicherheitsanforderungen und mehr Rendite verlangen.

Die tatsächliche Folgen einer solchen Karthographierung sind jedoch in den USA ausgiebig studiert worden. Alle privaten Anbieter, Werbefirmen etc. ziehen sich allmählich aus solchen Gebieten zurück. Sie glauben, dass die Absatzchancen dort schlechter sind, was ja zumindest im Durchschnitt stimmt. Damit findet hier auch weniger Aufklärung statt, es werden weniger Arbeitsplätze für Vertreter aus der Region geschaffen


ID: 43992
Autor(en): iff
Erscheinungsdatum: 12.08.09
   
 

Erzeugt: 12.08.09. Letzte Änderung: 14.08.09.
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